Auf den Punkt
Sichere Staatsanleihen mit positivem drittem Quartal, Kurspotenziale allerdings ausgereizt.
Markttechnik stützt europäische Unternehmensanleihen, wir präferieren das defensivere Investmentgrade-Segment.
Lokalwährungsanleihen aus Schwellenländern mit unausgeschöpftem Potenzial, Einstiegsmöglichkeiten attraktiv.
Gemeinsame Aufwärtsbewegung wahrscheinlich nicht dauerhaft
Das dritte Quartal bescherte Anlegern in weiten Teilen des Anleihemarktes fallende Renditen und damit erfreuliche Gewinne. Für die kommenden Wochen und Monate erwarten wir allerdings keine Fortsetzung der einträchtigen Aufwärtsbewegung der Anleihepreise, sondern eine Rückkehr zur Heterogenität der ersten Jahreshälfte. Insofern dürfte die Differenzierung zwischen einzelnen Anleihesektoren wieder stärker an Bedeutung gewinnen.
Sichere Staatsanleihen: Jüngster Rückenwind flaut wieder ab
Nach zwei negativen Quartalen wendete sich für sichere Staatsanleihen zuletzt das Bild – von Juli bis September konnten Wertzuwächse verzeichnet werden. Vergleichsweise taten sich in jeweiliger Landeswährung besonders US-Treasuries hervor und weisen nun seit Jahresbeginn eine deutlich positive Bilanz auf. Neben erhöhter Nachfrage nach Sicherheit, die den Markt in der zweiten Julihälfte, während der temporären Aktienmarktkorrektur Anfang August und noch einmal Anfang September prägte, kam der anhaltende Disinflationsprozess dem Staatsanleihesegment zugute. So sank die deutsche Preissteigerungsrate im August gegenüber dem Vorjahresmonat auf 1,9 % (bzw. auf 2,0 % im EU-harmonisierten Maßstab) und damit erstmals seit März 2021 wieder unter die Zwei-Prozent-Marke. Auch eurozonenweit sowie in den USA fiel die Inflation, so dass Hoffnungen auf weitere Leitzinssenkungen Staatspapiere zusätzlich unterstützten. Da die Renditen am kurzen deutlich stärker als am langen Ende gesunken sind, sind die Renditestrukturkurven zumindest bei Betrachtung zehn- und zweijähriger Laufzeiten wieder nahezu flach. Vieles scheint nun eingepreist und in unserem Hauptszenario rechnen wir mit wieder steigenden Renditen im längeren Laufzeitensegment. Positive Erträge aus laufender Verzinsung könnten somit teilweise von gegenläufigen Kursbewegungen aufgezehrt werden.
Unternehmensanleihen: Technik sticht Bewertung
Euro-Unternehmensanleihen haben auch 2024 bisher die Nase vorn: Das IG-Segment gewann 3,2 % hinzu, während Hochzinspapiere sogar um 5,9 % zulegten. Und auch im weiteren Jahresverlauf sollte das Segment durch markttechnische Faktoren unterstützt bleiben. Die Unternehmensbilanzen präsentieren sich solide und das Gros der jüngsten Quartalsergebnisse zeigt keinerlei Eintrübung durch die Gefahr einer noch immer nicht gänzlich auszuschließenden Rezession. Zugleich steuern die Emissionsmärkte auf ein neues Rekordjahr zu: Bereits 154 Mrd. Euro netto konnten bei reger Nachfrage platziert werden. Der Anlegerappetit scheint groß, schließlich deuten die Fondsmittelzuflüsse sowohl im IG- als auch im Hochzinsbereich laut J.P. Morgan auf ein Wachstum der Anlageklasse von fast 10 % hin. Lediglich beim Thema Bewertung herrscht weniger Zuversicht. Die Risikoaufschläge können in vielen Segmenten im historischen Vergleich nur noch als fair bezeichnet werden (siehe Abb. unten links). Sofern man von einem „Weiter so“ am Markt ausgeht, sollte dies zwar kein Problem darstellen, vielmehr dürfte die technische Unterstützung dominieren. Allerdings könnte ein hitziger US-Wahlkampf neben möglicherweise schwachen makroökonomischen Daten dieses Bild durchkreuzen und eine Korrektur einläuten. Wir fahren auf Sicht und bevorzugen weiterhin Unternehmensanleihen, dies allerdings im defensiveren Investmentgrade- anstatt im Hochzinssegment.
Schwellenländer: Lokalwährungsanleihen mit Nachholpotenzial
Während noch im Frühjahr über eine mögliche Zinserhöhung in den USA spekuliert wurde, setzte sich während des dritten Quartals die Überzeugung eines beginnenden Zinssenkungszyklus ab September durch. Die diesem Sinneswandel zugrunde liegenden schwächeren Arbeitsmarkt- und Inflationsdaten beeinflussten auch den Markt für Schwellenländerpapiere. Noch bis April waren die Beiträge der Zinskomponente zur Performance negativ, anschließend kehrte sich der Effekt bis Mitte September um (+4,9 % im Hartwährungs-, +1,4 % im Lokalwährungssegment). Auffällig ist, dass Lokalwährungsanleihen trotz günstiger Rahmenbedingungen noch nicht ihr volles Potenzial ausschöpfen konnten. Die Gründe hierfür sehen wir erstens darin, dass sich Schwellenländerzentralbanken angesichts der Unsicherheit über die US-Zinspolitik mit aggressiven Lockerungen zunächst zurückgehalten haben. Zweitens könnte ein möglicher Wahlsieg Donald Trumps das Umfeld für Schwellenländer ändern. Diese Ungewissheit wird voraussichtlich bis zur Präsidentschaftswahl am 5. November bestehen bleiben. Drittens führten überraschende Äußerungen seitens Brasiliens und Kolumbiens zu Sorgen vor steigenden Haushaltsdefiziten und zu Abverkäufen in jeweiligen Lokalwährungsanleihen. Wir halten diese Bewegungen indes für überzogen. Langfristig sollte die Bewertung wieder auf ein fundamental gerechtfertigtes Niveau zurückkehren, so dass derzeit interessante Einstiegsmöglichkeiten bestehen. Daher präferieren wir weiterhin Lokalwährungspapiere gegenüber ihren Pendants in Hartwährung und halten Erstere aufgrund ihrer Risiko-Ertrags-Perspektive für die attraktivste Anlageklasse innerhalb der Schwellenländer.
Fazit: Chancen bei Unternehmens- und Schwellenländeranleihen
Sichere Staatsanleihen haben nach einem unerwartet guten dritten Quartal mit Blick nach vorn etwas an Attraktivität verloren. Sowohl in Deutschland als auch bei US-amerikanischen und britischen Papieren sollten im Fall einer sanften Landung der US-Konjunktur mittelfristig wieder steigende Renditen und damit Kursverluste bevorstehen, die die laufende Verzinsung ganz oder teilweise aufzehren. Unternehmensanleihen sind trotz nicht mehr günstiger Bewertung durch die Markttechnik gut unterstützt und dürften sich ohne deutliche Konjunkturschwäche weiterhin besser entwickeln. Angesichts möglicher Risiken bevorzugen wir allerdings das defensive Investmentgrade-Segment gegenüber Hochzinsanleihen. In Schwellenländern sind unverändert Lokalwährungspapiere unsere Favoriten, die ihr Potenzial noch nicht zur Gänze ausgespielt haben. Dies könnte sich in den kommenden Monaten ändern.
Autoren
Martin Mayer
Bei Berenberg ist er seit November 2009 als Senior Portfoliomanager mitverantwortlich für die Renten- und Stiftungsstrategie der privaten Vermögensverwaltung sowie für individuelle Multi Asset-Spezialmandate mit defensivem Schwerpunkt. Nach seiner Ausbildung zum Betriebswirt (Wirtschaftsakademie) und seinem Studium zum Dipl.-Volkswirt (Universität Hamburg) trat er 1998 in die Vermögensverwaltung der Deutschen Bank ein. Dort betreute er bis 2008 individuelle Kundenportfolios für das Private Wealth Management und absolvierte 2001/2002 eine Weiterbildung zum CEFA-Investmentanalysten/DVFA. Im Sommer 2008 wechselte Mayer zur HSH Nordbank und fungierte dort als stellvertretender Leiter des Portfoliomanagements.
Christian Bettinger
Christian Bettinger ist seit Juni 2009 im Unternehmen. Als Fondsmanager des Publikumsfonds Berenberg Euro Bonds und Berenberg Credit Opportunities ist er im Bereich Multi Asset Fixed Income verantwortlich für die Selektion von Unternehmensanleihen. Er absolvierte eine Ausbildung zum Bankkaufmann und anschließend das Studium der Betriebswirtschaftslehre an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. In 2010 wurde der Dipl.-Kfm. vorzeitig aus dem Berenberg Trainee-Programm als Fondsmanager mit den Schwerpunkten Derivate und Renten übernommen. Bettinger ist CFA Charterholder, Certified Financial Engineer (CFE) und zugelassener Eurex-Händler